„Wie gaat's ...?"

„Wie gaat's ...?" Zwei Worte, scheinbar belanglos, so vor sich hingesprochen und an die Anderen adressiert, bei vielen Kontakten so quasi als Einleitung. „Wie gaat's ...?". Der erste Satz beim Telefongespräch, beim zufälligen Einkaufskontakt, beim weniger zufälligen Besuch, beim Familientreffen, beim Zahnarzt und bei vielen anderen Gelegenheiten. Es gilt einfach als anständig und höflich zuerst zu fragen „wie gaats ...?". Oft höre ich diese Frage in unseren Heimen vom Personal. Ob Hauswirtschaft, Küche, Betreuung, Pflege, Aktivierung, Lingerie, Hauswart, Therapie, Sekretariat ... alle begegnen mir mit einem freundlichen „wie gaat's ....?. So quasi im Vorbeigehen anstelle von „Grüezi", „en guete Tag" oder „Hallo". Auf die so beiläufig gestellte Frage „wie gaat's ...?" lauten die meisten Antworten „es gaat ...", „es mues ..." oder „mer chunt devoo ...". Entweder ist damit der Kontakt beendigt, oder das Thema wechselt jetzt zu Neuigkeiten, Wetter, Fernsehsendung, Essen oder Enkelbesuchen. Alle wissen, dass mit der Frage „wie gaat's ..." nicht eigentlich das Wohlbefinden gemeint ist, sondern dass es sich eher um eine bestimmte Form der gegenseitigen Begrüssung handelt. Als Bewohnerin oder Bewohner wäre es gegenüber dem Personal ja fast eine Beleidigung zu sagen, dass es mir auch einmal weniger gut geht, dass ich meine Partnerin oder meinen Partner, die grosse Wohnung, die eigene Küche, die Nachbarn, den Garten, den Hund, die Konzerte und die Italienernbeiz vermisse. Allenfalls sage ich es meinen Kindern und meinen Enkeln und die antworten mir, dass ich es doch gut da habe, drei Wahlmenues, eine Cafeteria, den eigenen Fernseher, die Gemeinschaft. Es geht mir, wie oft in meinem Leben, meist unverschämt gut, ich hatte ja viel Glück und viel Schönes erlebt, aber dazwischen geht es auch mir einmal nicht so gut. Jetzt würde ich eine Person brauchen, die einen Augenblicke zu mir sitzt, mir etwas Wärme vermittelt und mich frägt „wie gaat's...?". Sie müsste nicht einmal auf meine Antwort warten, ich müsste nicht sagen „es gaat", sie würde spüren wie es mir geht, würde es in meinen Augen sehen, meine Hand kurz halten und es würde mir wieder viel besser gehen ...

 

Dezember 04 / H.R.Winkelmann